Jäger der verlorenen Zeitschriften

Jäger der verlorenen Zeitschriften

Diesmal begebe ich mich ganz nach Indianer Jones Manier, mit Filzhut und Peitsche, in die deutsche Print-Landschaft.

Meine Reise beginnt im Alter von 14 Jahren, in einem Supermarkt einer verschlafenem Städtchen, nennen wir sie mal “Paderborn“, nicht allzu weit entfernt von dem fiktiven Ort Bielefeld. Ich entdeckte gerade das Zeitschriftenregal, drei Etagen mit einer Spannweite von über 4 Metern, es glich einem verlorenen Schatz gleich neben der Kasse und Süßwarenabteilung. Hier war der Ort, an dem ich mir meine erste Spielezeitschrift kaufte. Es sollte eine Playstation-Zeitschrift werden, da ich mir erst kürzlich eine PSX erstanden hatte und interessiert in die Zukunft der Next-Generation Grafik der PS2 war.

Ich fühlte mich wie ein Kind im Süßigkeitenladen, gewiss dass war ich auch, ich hätte mich dafür nur wie die anderen Kinder zum Süßigkeitenregal umdrehen müssen. Stattdessen griff ich mir aber aus der Sammlung unzähliger Playstation-Magazine die “play the Playstation”. Was für ein doofer Name für eine Zeitschrift, dachte ich mir, andererseits machte mir Nemesis aus Resident Evil schöne Augen und schaute unschuldig, sodass ich die play doch noch in den Händen behielt und in Richtung Kasse steuerte.

Damals hat man Zeitschriften wie die play noch verschlungen, ich habe einen Großteil meiner Kindheit auf dem Pott verbracht. Das Internet war gerade erst im kommen, ambitionierte Webseiten wie Eurogamer, 4players oder DemoNews noch in den Köpfen ihrer Schöpfer. Wenn man Cheats oder Lösungshilfen zu einem Spiel brauchte, konnte man sich entweder über eine teure Support-Hotline des Herstellers informieren, oder man bestellte sich eine Zeitschrift.

Heute hat das Internet die Führungsposition als ultimative Informationsquelle übernommen, nirgends als im World Wide Web kommt man so schnell an Gerüchte, Fakten und Neuigkeiten aus aller Welt. Das Print-Geschäft entwickelt sich dagegen Rückläufig. Die play the Playstation gibt es schon lange nicht mehr, auch im Büro der Schöpfer dieser wundervollen Zeitschrift, dem Cypress Verlag, brennt seit 2007 kein Licht mehr. Übertriebener Jugendschutz hat den Zeitschriften immer weiter zu schaffen gemacht, sobald auch nur ein paar Pixel die Form eines Hakenkreuzes ähneln, wird eine Auflage vom Markt genommen und der Verlag kann dicht machen. Die Magazine verkommen zu überteuerten Sammlungen aus Pornobildchen und werden zunehmend unattraktiver.

Die Suche nach einem vernünftigen Spielemagazin, ohne es an der Kasse aufgrund der hässlichen Covergestaltung verlegen unter einem Playboy oder einer Coupé verstecken zu müssen, wird immer mehr zu der Suche nach dem heiligen Gral. Es gibt sie allerdings noch: Spiele-Zeitschriften mit denen man noch prahlen kann sie gelesen und verstanden zu haben. GEE, GamesTM, Consol.at und Gamefront bestreiten alle jeweils einen alternativen, mehr oder weniger erfolgreichen, Weg.

Im Jahr 2006 begab ich mich schließlich in den Jungle von “Paderborn”, auf der Suche nach einen dieser alternativen Zeitschriften. Ich begann mit der deutschen EDGE, in Supermärkten und Tankstellen war nichts zu finden. Der Kiosk-Besitzer in der Innenstadt sagte “Gesundheit!”, als ich nach EDGE fragte, ein Anderer schaute mich an, als wäre ich ein Alien vom anderen Stern. Kaum hatte ich eine EDGE ergattert, wurde das Magazin auch schon eingestellt - schöne scheiße.

Der nächste Anlauf begann Ende 2007 und ich war inzwischen zu einen Stammleser der GEE mutiert. Der Bahnhofskiosk, meine Informationsquelle Nr.1, wurde urplötzlich geschlossen. Diesmal sollte meine Entdeckungsreise mehrere Tage dauern. Supermärkte, Kiosks und Tankstellen boten keine Alternative. Als wenn die Nazis böse Geister aus der Bundeslade gelassen hätten, und diese alle GEE’s dieser Welt auf gemeine Weise vor meinen Augen stehlen würden. Ja genau, das muss der Grund sein!

Meine Reise führte mich in die entlegensten Winkel von Deutschland, an Orte so traumhaft wie in tausend und einer Nacht aber auch in Städte wie “Paderborn” - alles nur eine Frage des Geschmacks. So begab ich mich, es ist inzwischen Anfang 2008, zu einem verschlafenen Ort nicht weit von Warstein entfernt. Ich nenne diesen Ort mal “Meschede“. In “Meschede” gibt es eine Uni, einen Supermarkt, sogar ein kleiner Subway im Kioskformat hat sich dort niedergelassen. Wenn ich schon in einer Weltstadt wie “Meschede” bin, galt ein Teil meiner Aufmerksamkeit natürlich dem gewaltigen Zeitschriftensortiment des Supermarkts.

Tatsächlich ist das Angebot eines kleinen Supermarkts in “Meschede” deutlich größer als etwas vergleichbares in “Paderborn”. Das beruht aber weniger auf ein größeres Sortiment, als auf die Tatsache dass veraltete Ausgaben nicht aus dem Regal genommen werden. Ich entdeckte eine Oktober 2007 Ausgabe des längst eingestellten Magazins PC PowerPlay, dahinter war praktischerweise noch die September-Ausgaben versteckt. Daneben befand sich die alle zwei Monate erscheinende Xbox Games welche ebenfalls schon veraltet war. Ich entdeckte auch eine Fernsehzeitung im Hosentaschen-Format, im Gegensatz zu den leicht bekleideten Cover-Schönheiten der TV-Spielfilm, ließ diese Dame gleich alle Hüllen fallen. Das geschickte Farbenspiel und Positionierung der Überschriften erlaubten sogar den Verkauf an einem öffentlichen Ort. Erstaunlicherweise bot die Covergestaltung dieses Schundblättchen mit Fernsehzeitung (TV Nackt?!) mehr Tiefgang als GamePro und Games Aktuell zusammen. Ebenfalls interessant war, dass dieses Porno-Blättchen ganz ohne Handy-BlingBling-Porno-Bildchen-Werbung, gehört bei deutschen Spielemagazinen mittlerweile zum guten Ton, auszukommen scheint - verkehrte Welt.

Seitdem bin auch ich ein täglicher Kunde des Internets geworden, die Schrecken der Kiosklandschaft haben dagegen eine tiefe Narbe hinterlassen. Die nötigsten Publikationen werden inzwischen dank Abo vor die Haustür gebracht. Nur noch selten mache in eine Erkundungstour, wenn auch nur aus Neugierde mit was mich die deutsche Spiele-Presse diesmal erschrecken will. Vor wenigen Tagen war so eine Tour. Ich begab mich zu einem Flughafen, nennen wir ihn mal “Paderborn/Lippstadt” und suchte für einen Freund nach der Five. Das Sortiment des Flughafen-Kiosks war gewaltig, unzählige Zeitschriften, keine war älter als zwei Monate. Selbst die GEE war vorhanden, wenn auch seltsam neben Yu-Gi-Oh und Kick-Club einsortiert. Die Tomorrow, ein Lifestyle-Magazin welches sich früher immer mit Bikinischönheiten auf dem Cover präsentierte, lag in gewohnter Weise neben Playboy und FHM - fast wie zuhause, schön. Die Sportabteilung war dagegen aufgeräumt und richtig einsortiert, von der Five fehlte jedoch jegliche Spur.

Jetzt galt es wieder unberührte Zeitschriftenregale zu erkunden, wenn auch nur für die Five eines Kollegen, an Orten wo noch nie zuvor ein intelligenter Mensch gewesen ist. Ich ließ das typische Indianer Jones Titellied-Gedudel vor meinem geistigen Auge laufen und fuhr dabei den Sonnenuntergang mit lauten Motorgejaul meines Opel Corsa entgegen.

Verfasst am 30.03.08, um 15:52 Uhr, von rotfuchs
Kategorie(n): Ausruf, Kolumne, Magazine, Medien
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